Als Patient sind Sie geneigt, auf dem Waschzettel mehr nach den Nebenwirkungen als nach der Wirkungsweise eines Medikaments zu suchen. Das hat zwei Gründe: erstens gibt es eine Art "gesundes Mißtrauen" gegenüber der Chemie und schulmedizinischen Handelspräparaten, zweitens werden die Nebenwirkungen in der Regel in viel verständlicherer Form und Sprache beschrieben als die Wirkweise. Dem Hausarzt Sorglosigkeit bei der Verordnung zu unterstellen wäre ein Zeichen mangelnden Vertrauens. Er ist daher gut beraten, Ihnen zu zeigen daß er um die Nebenwirkungen weiß. Aber auch Sie können sich leicht denken, daß es wirksame Medizin ohne Nebenwirkungen kaum geben kann. Die positiv gemeinte Beurteilung eines Medikaments: "Es wirkt zwar nicht, schadet aber auch nicht!" halte ich für den Ausdruck des weit verbreiteten Wunsches nach einer nebenwirkungsfreien Medizin und ist der Grund dafür, daß sich Quacksalber, Laientherapeuten und manche Apotheker ins Fäustchen lachen. Können sie doch unwidersprochen anführen, daß ja schon der Glaube an die betreffende Medizin gesund machen kann- und das mit der einzigen Nebenwirkung, dem Preis. Nach ihm aber wird solange nicht gefragt, als ihn die Krankenkasse bezahlt. Im Gegenteil wird gern unterstellt, daß, was teuer ist, auch gut sein muß.(z.B. Sauerstoff- Mehrschritt-Therapie). Schlimmer noch sind Medikamente, die gar keine heilsame Wirkung besitzen aber gefährliche Nebenwirkungen aufweisen oder, noch übler, die Kombination: "gefährlich, teuer und ohne therapeutische Wirksamkeit" (z.B. "Chelatkur zur Arterien-Entkalkung").
Fazit: vertrauen wir dem Hausarzt. Wenn er unsere Krankheit, die Reaktionen unseres Körpers auf vorangegangene Therapien sowie uns und unsere Empfindlichkeiten kennt und wenn er sich laufend fortbildet, dann weiß er auch die beste Therapie für uns. Und wenn er uns vor der Verordnung eines neuen Medikaments auch noch über unvermeidbare oder wahrscheinliche Nebenwirkungen informiert, (z.B. vorübergehende Müdigkeit bei erfolgreicher Senkung eines erhöhten Blutdrucks), dann sind die Voraussetzungen für eine stabile Arzt- und Therapietreue (Compliance) gegeben. Erst in jüngster Zeit zeigte die Genforschung Ergebnisse, nach denen ganz individuelle Veranlagungsmuster für die Reaktion auf einzelne Medikamente existieren. Bis eine solche Diagnostik aber routinemäßig einer Therapie vorausgeschickt werden kann, bleibt dem Arzt heute leider oft nur das Ausprobieren. Das erleben wir nicht selten bei der Behandlung eines Bluthochdrucks. Schon an dieser Stelle sei erwähnt, daß manche Medikamente ihr Wirkungsoptimum erst nach Tagen oder Wochen erreichen, daß gerade bei empfindlichen und bei älteren Menschen mit niedrigeren Dosen begonnen wird, als sie später erforderlich sein werden und daß vom Arzt immer wieder abgewogen wird, ob er die gewünschte Wirkung unter Inkaufnahme gewisser Nebenwirkungen zu erreichen versuchen darf. Er berücksichtigt auch die Tatsache, daß sich manche Medikamente in ihrer Wirkung behindern oder verstärken oder daß sie bei bestimmten anderen Krankheiten und Organfunktionsstörungen möglichst vermieden bzw. ihre Wirkungen und Auswirkungen in regelmäßigen Abständen kontrolliert werden müssen. Wenn Sie nun noch erfahren, daß weltweit über 30% nur z.B der gegen hohen Blutdruck verordneten Tabletten bewußt oder aus Vergeßlichkeit nicht eingenommen werden, können sie sich ausmalen, wie schwer dem Arzt manchmal eine Therapieeinstellung gemacht wird.
Die Herzmedikamente kann man nach ihren klinischen Anwendungsbereichen (Diagnosen) z.B. Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, Koronare Durchblutungsstörung, Periphere Durchblutungsstörung oder Gerinnungs-und Thromboseneigung einteilen. Oft kann, oft muß man sie kombiniert geben, um durch kleinere Dosierungen jeder Substanz ein Maximum an Wirkung bei einem Minimum an Nebenwirkungen zu erzielen. Ich will sie Ihnen nach ihrer Indikation (Anwendungsdiagnose) und ihrer Wirkungsweise und nach ihren häufigsten Nebenwirkungen geordnet tabellarisch aufzuführen versuchen. Da ich nicht alle im Handel befindlichen Präparate aufführen kann, überdies sinnvollerweise immer mehr Kombinationspräparate (z.B. gefäßerweiternde Substanzen zusammen mit solchen zur Entwässerung) angeboten werden, nenne ich jeweils nur das Generikum (die wirksame chemische Substanz) und empfehle Ihnen, Ihren Hausarzt zu bitten, Ihr Medikament in der zutreffenden Spalte der Tabelle einzutragen. Heute wird übrigens die gleichwertige Wirksamkeit sogenannter "Billigpräparate" kaum noch in Frage gestellt!
Um welche Wirkprinzipien handelt es sich? |
| A | Stützung des Herzmuskels (z.B. Digitalis) |
| B | 1) Entlastung des Herzens durch periphere Arterienweitstellung (z.B. durch ACE-Hemmer, Sartane, Calziumantagonisten)
2) Senkung des Blutdrucks durch denselben Mechanismus |
| C | 1) Behebung von Auswirkungen einer Koronare Durchblutungsstörung durch Bremsung der Herztätigkeit, d.h. v. Pulsfrequenz und Kontraktionskraft= Senkung des Energiebedarfs= Erhöhung der Angina-Pectoris-Schwelle (z.B. durch Betablocker)
2) Senkung des Blutdrucks auf demselben Wege (Betablocker) |
| D | 1) Entlastung des Herzens durch Entwässerung (z.B.durch Furosemid, Torasemid, Thiazide,
2) Senkung des Blutdrucks auf demselben Wege, speziell auch durch Kochsalzausschwemmung |
| E | Senkung des zirkulierenden Blutvolumens durch Venenerweiterung:( z.B.durch Nitrate, Molsidomin) |
| F | Senkung des Blutdrucks durch zentrale Sympathikusblockade (z.B.durch Clonidin) |
| G | Senkung des Blutdrucks durch periphere Sympathikusblockade |
| H | Behebung und Verhinderung von Vorhofflimmern bzw absoluter Arrhythmie (Absoluta) und von supraventrikulären (harmlosen) Extrasystolen und Herzjagen (z.B durch Verapamil, Sotalol,) |
| I | Beseitigung und Verhinderung ausgeprägterer und ventrikulärer Herzrhythmusstörungen (Kammerextra-systolen) (z.B. durch Sotalol, Amiodarone) |
| J | Verhinderung u.Beseitigung von Gerinnselbildung in Herz, Venen, Lungenarterien (z.B.durch Marcumar, Heparin) |
| K | Verhinderung von Blutplättchenablagerung und -verklumpung (Aggregationshemmung) in arteriosklerotischen Arterien und nach Ballondilatation und Stentversorgung (z.B.durch ASS, Tiklyd) |
| L | Koronararterienerweiterung. Alle über die Wirkweise B und E wirkenden Medikamente führen auch zur Erweiterung noch reagibler Herzkranzgefäßabschnitte |
x
| Indikation | Wirk
prinzip | Medikamenten
gruppe
Generikum | Handels-
namen
(vom Hausarzt ausfüllen lassen) | Nebenwirkung | Vorsicht bei ... |
Koronare
Durchblutungs-
störg. | E, L | Kurzzeitnitrate Langzeit-Nitrat
Molsidomin |  | Kopfschmerz bes.bei Kurzzeit-
Nitrat, seltener b. Molsidomin |  |
 | B, L | Calziumblocker
v. Nifedipintyp
v.Verapamiltyp |  | Knöchelödem | Nif.Typ: wenn Ruhepuls > 80
Verap.Typ: wenn Ruhepuls < 60 |
 | C | Betablocker |  | langsamer Puls
(immer) | echtem Asthma |
 | B, L | ACE-Hemmer
Sartane |  | ACE-H: Husten
(selten) | spürbar niedrigem Blutdruck |
Herzmuskel-
schwäche | B | w.o. |  | w.o. | bei spürbar niedrigem Blutdruck |
 | D | Diuretika |  | niedriges Kalium und Magnesium;
Flüssigkeitsmangel, selten Muskelkrämpfe | bei sehr niedrigem
Blutdruck |
 | (C+B) | spez. Betablocker |  |  |  |
 | A | Digitalis |  |  |  |
| Bluthochdruck | BCD | w.o. |  | w.o. |  |
 | F | zentrale Sympathi- kusblocker (Cloni- din, Moxonidin) |  | Müdigkeit, trockener Mund, langsamer Puls (oft) |  |
 | G | periph. Sympathi- kusblocker |  | schneller Puls |  |
Herzrhythmus-
störungen-1 | H | Sotalol
Verapamil
Digitalis |  | Blutdruck-
senkung
langsamer Puls | bei Sotalol Nebenwirkung siehe C Verapamil: Verstopfung |
Herzrhythmus-
störungen-2 | I | Sotalol,
Amiodarone,
spezielle Antiarrhythmica |  | b.Amiodarone: harmlose Störg. der Schilddrüsen-
funktion u. der Augenhornhaut (durch Absetzen leicht rückgängig zu machen) | u.U. absoluter Vorrang der Rhyth- musstörung |
Venen-
thrombose, Lungen- embolie,Ge- rinnsel in einer Herzkammer | J | Coumarine, Warfarin, Heparin
(Antikoagu-
lantien) |  | Blutungsneigung | Magenge-
schwür; Neigung zu inneren Blutungen |
| Vorsorgliche Hemmung der Blutplättchen-Funktionen | K | ASS, Tiklyd, Clopidogrel
(Aggregations-
hemmer) |  | ASS: Gastritis Blutungsneigung
Tiklyd: Blutbild | Magengeschwür |
Dieser Artikel entstand auf ausdrücklichen Wunsch vieler Herzgruppenteilnehmer. Er darf auf keinen Fall dazu führen, den Hausarzt belehren zu wollen, sondern soll im Gegenteil das Vertrauen in seine Maßnahmen fördern.
Bei meiner Kenntnis der sogen. "Waschzettelneurose" frage ich mich gelegentlich, ob die Beschreibung der Nebenwirkungen genau so aufmerksam gelesen würde, wenn Waschzettel in Zukunft auch den Zigarettenpackungen beigelegt würden. Es stimmt schon nachdenklich, wenn Wirkung und Nebenwirkung letzlich die gleiche Auswirkung haben. |