Die Herzinsuffizienz stellt keine eigene Krankheit mit einem einheitlichen Verlauf dar, sondern ist vielmehr ein Syndrom, dessen Ursache in unterschiedlichen Grunderkrankungen liegen kann. In allen Fällen ist das Herz zum Beispiel wegen abgelaufener Herzinfarkte oder wegen einer primären Herzmuskelerkrankung (dilatative Kardiomyopathie) nicht in der Lage, die notwendige Pumpleistung für die Erfordernisse des Organismus, für Belastungen oder sogar für Ruheverhältnisse zu erbringen.
Neuere Untersuchungen haben gezeigt, daß nicht allein die verringerte kardiale Auswurf- leistung die Belastbarkeit der Herzinsuffizienzpatienten limitiert, sondern daß auch Verän- derungen der peripheren Skelettmuskulatur einen erheblichen Einfluß auf die Leistungs- fähigkeit nehmen. Demzufolge klagen viele herzinsuffiziente Patienten eher über eine allge- meine Schwäche und Kraftlosigkeit, als über Luftnot oder Wassereinlagerungen, die ver- meintlichen klassischen Leitsymptome. Die Muskulatur eines Herzinsuffizienzpatienten ist durch eine verfrühte Ermüdung bei Belastung und eine verringerte Maximalkraft gekenn- zeichnet. Eine derartige Schwächung der Muskulatur gleicht den Veränderungen wie sie bei einer langen Inaktivität auftreten, und kann in das Vollbild der sogenannten kardialen Kachexie einmünden (erheblicher Abbau von Muskel- und Körperfettsubstanz).
Eine Übungsbehandlung wurde bei Herzinsuffizienz als Bestandteil der Rehabilitation erst in den späten achtziger Jahren eingeführt. Man verließ das Therapiekonzept der Ruhe und Schonung zugunsten der Mobilisation durch Bewegung. Seither haben viele Studien gezeigt, daß körperliche Aktivität einen günstigen Einfluß auf die Symptomatik und den Verlauf der Herzinsuffizienz hat. So konnte beispielsweise eine Verbesserung der maximalen Sauerstoff- aufnahme der Muskelzellen, der peripheren Durchblutung und daraus resultierend eine erhöhte Leistungsfähig- keit festgestellt werden. Dieser Zugewinn an Mobilität versetzt viele Patienten in die Lage, sich im täglichen Leben weitgehend beschwerdefrei zu bewegen.
Es läßt sich also aus den wissenschaftlichen Untersuchungen erkennen, daß die Belastbarkeit von Herzinsuffizienzpatienten durch regelmäßig körperliches Training ansteigt. Die Kombi- nation eines individuell abgestimmten körperlichen Trainings (natürlich nur in Verbindung mit einer optimalen medikamentösen Behandlung) bietet sich somit als geeignete konservative Maßnahme im Management der schweren Herzinsuffizienz an. Die Verbesserungen der Belastbarkeit durch Training sind in ihrem Ausmaß in etwa so groß wie solche, die durch Gabe von ACE-Hemmern erzielt werden. Der positive Effekt ist additiv und tritt auch unter Betablockertherapie auf. Es konnte sogar gezeigt werden, daß Training einen beta-blocker ähnlichen Effekt hinsichtlich der Absenkung pathologisch erhöhter Herzfrequenzen erbringt. Ein solches Kombinationsregime kann sich in Einzelfällen sogar bei Kandidaten zur Herztransplantation als so effektiv erweisen, daß die Notwendigkeit zu diesem Eingriff signifikant hinausgeschoben, eventuell sogar verhindert werden kann.
Es gibt bis heute nur wenige Erkenntnisse über die Auswahl des effektivsten Trainingspramms und dessen Intensität. Es existieren zwar Vorschläge einzelner Autoren und kardiologischer Gesellschaften, aber noch keine standardisierten Richtlinien zur Trainingsmethodik. Bisher wurden meist Bewegungsprogramme vorgeschlagen, die das Herz-Kreislaufsystem auf dem Ergometer trainieren. Diese Bewegungstherapien haben jedoch nur einen geringen Einfluß auf die Muskelschwäche der Extremitäten. Aus diesem Grund haben der Forschungsbereich Sport- und Bewegungsmedizin am Fachbereich Sportwissenschaft der Universität Hamburg und die Abteilung für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie des Universitätskrankenhauses Hamburg-Eppendorf eine Methode zum gezielten Muskeltraining der Extremitäten mit Gewichtsmanschetten entwickelt. Positive Ergebnisse haben uns dazu ermutigt, eine Übungstherapie für schwer herzinsuffiziente Patienten in Form eines Muskeltrainings unter kardiologischer Überwachung anzubieten*.
Sollten Sie an einer Pumpstörung des Herzens leiden, empfehlen wir, zunächst mit Ihrem Hausarzt und ggf. Ihrem Kardiologen über eine mögliche Übungsbehandlung sowie über Leistungsgrenzen oder Gegenanzeigen zu sprechen. Im allgemeinen können körperliche Übungen auf jeden Fall empfohlen werden, ein erster Anfang kann schon ein täglicher Spaziergang "um den Block" sein. Bei leichter Herzinsuffizienz können Sie durchaus in einer ärztlich begleiteten ambulanten Herzgruppe mitmachen. Bei schwereren Erkrankungen sollte der Rat eines Kardiologen/kardiologischen Zentrums eingeholt werden (siehe oben) und das Training nur unter ärztlicher Überwachung stattfinden.
Kontaktadresse: Dr. Herbert Nägele, FA Innere Medizin-Kardiologie, Herzchirurgie-Herzinsuffizienzambulanz, Martinistr. 52, 20246 Hamburg, Tel.040-42803-4113
E-Mail:naegele@uke.uni-hamburg.de
1 Herzinsuffizienzambulanz der Abt. für Herzchirurgie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
2 FB Sport- und Bewegungsmedizin, Hamburg |